Was sind Spiegelneurone?

Jedes höher entwickelte Säugetier (ja, dazu gehören auch wir) verfügt über Spiegelneurone, das sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn. Sie ermöglichen es uns, die sichtbaren Aktionen anderer Menschen und Tiere gezielt „nachzuäffen“. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Gähnen, es wirkt ja äußerst „ansteckend“. Haben Sie schon einmal ein Baby gefüttert? und ist Ihnen dabei aufgefallen, dass auch Ihr Mund sich geöffnet hat? Das hat auch etwas damit zu tun.

boy-69723__180 pixaApropos Baby, jedes Neugeborene kommt mit dieser Fähigkeit zur Welt. Damit sie gut funktioniert und sich verbessert, beginnen Babys schon sehr früh damit, sie regelrecht zu trainieren. Wir alle sind soziale Wesen und in irgendeiner Weise abhängig von anderen Menschen.

Diese kleinen Menschen lernen in den ersten Lebensjahren unfassbar viel, das meiste über die Nachahmung. Alles muss über die Gehirnzellen erlernt und regelmäßig trainiert werden. Das dient der Erhaltung und Verbesserung der Zellen. Wir kennen das ja schon von den Muskelzellen. Ein paar Tage lang nichts getan und schon beginnen die Muskeln mit dem Abbau, allerdings relativ langsam. Auch auf unser Gedächtnis trifft das zu. Wird die Merkfähigkeit gleichbleibend genutzt und immer gut trainiert, wird sie auch weiterhin zur Verfügung stehen. Je früher man gegensteuert, desto besser.

Schon vor ca. 100 Jahren wurde die Fähigkeit zum Nachahmen näher untersucht. Hugo Karl Liepmann entwickelte 1908 sein „hierarchisches Modell der Handlungsplanung“, es wird auch heute noch herangezogen. Er vermutete und untersuchte auch den Zusammenhang von Hirnverletzungen und dem damit verbundenen Verlust dieser Fähigkeit. Erst in den 1990iger Jahren fanden italienische Neurologen (Giacomo Rizzolatti und Mitarbeiter) bei unseren nächsten Verwandten, den Affen, heraus, dass nicht nur bei den aktiv beschäftigten Tieren im Gehirn ordentlich was los war, sondern auch bei den zuschauenden Affen. Die u. a. Spiegelneurone genannten Gehirnzellen waren entdeckt.

Aber erst innerhalb der letzten Jahre wurden diese speziellen Zellen dann auch im Gehirn des Menschen nachgewiesen, geortet und seitdem kontinuierlich erforscht. Über die Wirkungsweise und Beeinflussung unserer sozialen Fähigkeiten durch die Spiegelneurone gibt es einige wissenschaftliche Interpretationen und Thesen. Für uns „normale Menschen“ ist jedoch die praktische Seite viel wichtiger. Die Nutzung der Spiegelneurone hilft uns dabei, den Umgang mit unseren Mitmenschen harmonischer und positiver zu gestalten. Kurz gesagt, wir haben es selbst in der Hand, unser Leben nach unseren Wünschen zu beeinflussen. Dabei ist es dem Gehirn egal, ob es sich um eine Beobachtung handelt oder eigenes Tun.

Unsere emotionale Intelligenz (EQ), Gefühle und Zustände bei anderen Menschen zu erkennen und zu interpretieren ist eine ganz wichtige Fähigkeit. Sie ermöglicht uns, entsprechend zu reagieren. Andersherum können wir mit unserem Verhalten auch beeinflussen, indem wir z. B. ein echtes Lächeln zeigen, das von Herzen kommt. Intuitiv werden die meisten Menschen zurücklächeln. Aber selbst bei „hartnäckigen Fällen“ wird das „Klima“ zumindest etwas freundlicher werden. Für den sozialen Umgang ist dies enorm wichtig, denn wir leben nun mal in einer Welt, die in jeder Hinsicht vernetzt ist. Aktion und Reaktion bestimmen unser ganzes Leben.

Lachen ist hoch ansteckend und so gesund

Wir können uns mit anderen freuen, oder trauern und mitfühlen (Empathie). Wenn wir sehen, dass sich jemand verletzt, empfinden wir selbst den Schmerz, besonders bei nahestehenden Personen. Sehen wir, dass jemand an einem Abgrund steht, wird uns ganz anders. Wenn sich ein anderer Mensch freut, freuen wir uns mit (es sei denn, wir hegen negative Gefühle in Bezug auf die Person). Beispiele gibt es reichlich.

Aber wir haben auch die Möglichkeit, durch gezielte Aktionen eine Änderung herbeizuführen. Wir können trösten, aufmuntern, Mut machen und damit die Stimmung verbessern. Mit-gefühl ist allemal besser als Mit-leid. Damit drücken wir unser Verständnis aus und das Gefühl des Verstanden-werdens ist schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Die Kehrseite der Medaille kennen wir aber auch. Es gibt Menschen, die, verbunden mit bestimmten Absichten, durch ihr Verhalten eine gute Atmosphäre kippen können, die das Klima geradezu vergiften.

Auch das Neurolinguistische Programmieren, kurz NLP, nutzt diese Erkenntnisse. Dabei geht es u. a. darum, die Kommunikation (verbal und non-verbal – durch Worte und/oder ohne sie) zwischen Menschen zu verbessern oder ein erfolgsversprechendes Verhalten nachzuahmen. Dieser Vorgang wird spiegeln genannt und ist äußerst effektiv. Eine Verbesserung und Beeinflussung unserer Beziehungen zu anderen Menschen wird so angestrebt und meistens auch erreicht.

Ein wesentliches Merkmal unserer Zeit ist das „Multitasking“. Wer noch mithalten will, ist mehr oder weniger dazu gezwungen, mehrere Dinge gleizeitig zu tun. Da sitzt jemand am PC und schreibt eine Mail, lässt sich nebenbei vom Internetradio mit Musik berieseln. Dazu hat er seine Facebookseite geöffnet und chattet mit einem Freund.

Interessant in diesem Zusammenhang ist folgendes: Der Stresspegel steigt und die einzelnen Aktionen werden nicht mehr konsequent durchgeführt, Fehler schleichen sich ein und die Person lässt sich von Außenreizen leichter ablenken. Das wird dann „verzetteln“ genannt. Alles dies kostet eine „Extraportion“ Energie, die anderweitig vielleicht dringender benötigt wird. Oft ist es auch so, dass derjenige sich am Abend fragt, was er denn tatsächlich von seinem Arbeitspensum geschafft habe. Trotz der Tatsache, dass er permanent beschäftigt war, hat er nicht wirklich das Gefühl, dass er seine Aufgaben gut bewältigt hat. Ein ganz wesentliches Gefühl bleibt dabei oft auf der Strecke: „Ich habe etwas erfolgreich beendet und eine gute Leistung hingelegt, ich bin zufrieden mit mir“. Wer dies nicht mehr von sich selbst behaupten kann, sorgt für zusätzlichen Stress.

Menschen die in den Gesichtern anderer Personen nicht „lesen“ können, gibt es leider auch. Das Fehlen dieser Fähigkeit finden wir bei einigen „Krankheitsbildern“. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es Autisten nicht möglich ist, die Mimik ihres Gegenübers zu deuten, zu interpretieren. Lediglich auf ihr eigenes Verhalten reagieren ihre Spiegelneuronen. Dass dies zu der typischen Isolation (Ausgrenzung der Umwelt) beim Krankheitsbild des Autismus beitragen kann, liegt nahe. Oder wenn Kinder schon früh lieblose und gefühlskalte Eltern erleben oder sie in einer Umgebung aufwachsen, in der sie keine positiven Emotionen und Zuwendung erfahren (emotionaler Entzug), werden sie psychische Störungen (z. B. Hospitalismus) entwickeln oder im schlimmsten Fall sogar sterben.

Ärgern Sie sich manchmal über das Verhalten Ihrer Kinder? Ist Ihnen schon mal der Gedanke gekommen, dass die lieben Kleinen vielleicht nur Ihr eigenes Verhalten spiegeln?

Auch die Entscheidung, ob wir etwas schön finden oder nicht, findet über diese Neurone im Gehirn statt. Und es ist gut denkbar, dass Alkohol den Prozess beeinflußt, wir trinken uns unser Gegenüber schön.

Und wie und wem kann dieses Wissen helfen ?

Die Erkenntnisse bringen z. B. Hilfe für Schlaganfallpatienten. Gezielte Anregungen, z. B. durch das Ansehen von Videos mit bestimmten Bewegungsabläufen helfen den Patienten über die Spiegelneurone, diese Fähigkeiten schneller wieder zu erlangen.
Grundsätzlich gilt, dass, egal wie oder wodurch, entstandene körperliche und geistige Beeinträchtigungen durch Nachahmung entscheidend verbessert werden können. Auch dazu gibt es schon vielversprechende Ansätze.

Auf planet-wissen.de wurde ein sehr schöner Artikel zum Thema allgemein veröffentlicht.

Die Seite spiegeltherapie.com ist ein wahrer Fundus zur Anwendung der Spiegeltherapie bei verschiedenen Krankheitsbildern

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